Wie misst man sexuellen Leidensdruck?
In meinen letzten Kolumnen ging es immer wieder um einen Begriff: den Leidensdruck. Er entscheidet darüber, ob eine sexuelle Veränderung einfach Teil des Lebens ist – oder eine sexuelle Funktionsstörung, die behandelt werden sollte.
Doch wie lässt sich etwas so Persönliches wie Leidensdruck überhaupt erfassen? Dafür braucht es gute Fragebögen. In einer neuen Studie haben wir einen solchen Fragebogen für Deutschland übersetzt, erweitert und erstmals an einer großen, repräsentativen Stichprobe von Frauen und Männern geprüft.
Was ist sexueller Leidensdruck?
Sexueller Leidensdruck beschreibt, wie sehr jemand unter seiner Sexualität leidet – zum Beispiel, wenn man sich frustriert, schuldig, beschämt oder unzufrieden fühlt, weil die Lust fehlt, die Erregung ausbleibt oder Sex schmerzt.
Nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-11 ist dieser Leidensdruck entscheidend für eine Diagnose. Wenig Lust allein ist noch keine Störung. Erst wenn sie belastet, besteht ein Grund, genauer hinzuschauen und Unterstützung anzubieten.
Was wir untersucht haben
International wird sexueller Leidensdruck häufig mit der Female Sexual Distress Scale (FSDS-DAO) erfasst. Der Fragebogen fragt, wie oft man sich in den letzten 30 Tagen durch die eigene Sexualität belastet gefühlt hat.
Wir haben ihn nach einem standardisierten Verfahren ins Deutsche übersetzt und um eine wichtige Frage ergänzt: den Leidensdruck durch Schmerzen beim Sex. Die deutsche Fassung umfasst damit 16 Fragen.
Geprüft haben wir sie an Daten einer bundesweiten, repräsentativen Befragung mit über 4.000 Teilnehmenden. Um Frauen und Männer fair vergleichen zu können, wurden sie nach Alter und weiteren soziodemografischen Merkmalen einander zugeordnet.
Im Mittelpunkt standen drei Fragen:
Struktur: Misst der Fragebogen zuverlässig ein gemeinsames Merkmal – den sexuellen Leidensdruck?
Vergleichbarkeit: Funktioniert er bei Frauen und Männern gleichermaßen?
Grenzwert: Ab welchem Gesamtwert spricht der Fragebogen für einen klinisch bedeutsamen Leidensdruck – gemessen an einem etablierten Screening für sexuelle Funktionsstörungen?
Was wir herausgefunden haben
Der Fragebogen misst, was er messen soll. Alle 16 Fragen erfassen gemeinsam ein Merkmal: den sexuellen Leidensdruck. Die deutsche Fassung zeigt damit ebenso gute Messeigenschaften wie das englische Original.
Er funktioniert für Frauen und Männer. Obwohl der Fragebogen ursprünglich für Frauen entwickelt wurde, lässt er sich auch bei Männern einsetzen. Nur eine einzelne Frage verhielt sich bei Frauen und Männern etwas unterschiedlich.
Männer berichten etwas mehr Leidensdruck. Im Durchschnitt gaben Männer einen leicht höheren sexuellen Leidensdruck an als Frauen. Der Unterschied war allerdings sehr klein.
Ein klarer Grenzwert: Ab einem Gesamtwert von 16 Punkten (von maximal 64) weist der Fragebogen auf einen klinisch bedeutsamen Leidensdruck hin. Ermittelt haben wir diesen Grenzwert im Abgleich mit dem Screening for Sexual Problems einem etablierten Fragebogen zur Erfassung sexueller Funktionsstörungen. Der Grenzwert gilt für die Gesamtbevölkerung. Menschen mit und ohne sexuelle Funktionsstörung ließen sich damit sehr gut voneinander unterscheiden (AUC = 0,89).
Warum das wichtig ist
Sexuelle Funktionsstörungen werden im Gesundheitssystem oft übersehen – das haben unsere Studien zu Frauen und Männern mit chronischen Erkrankungen deutlich gezeigt. Ein Grund: Im Praxisalltag wird selten nach Sexualität gefragt.
Ein kurzer, geprüfter Fragebogen kann hier eine Brücke sein. Er lässt sich in wenigen Minuten ausfüllen, ist für verschiedene Geschlechter geeignet und bietet einen klaren Grenzwert. So können Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen und Beratungsstellen Leidensdruck leichter erkennen und gezielt Unterstützung anbieten.
Auch für die Forschung ist das wichtig: Studien zu neuen Behandlungsangeboten brauchen verlässliche Messinstrumente, um zu zeigen, ob eine Behandlung wirklich entlastet.
Was Sie mitnehmen können
Ihr Erleben zählt. Ob eine Veränderung behandelt werden sollte, hängt nicht von Normen ab, sondern davon, wie sehr sie Sie belastet.
Veränderung ist nicht automatisch ein Problem. Weniger Lust oder seltener Sex sind nicht per se behandlungsbedürftig. Wenn Sie damit gut leben können, ist das völlig in Ordnung.
Belastung ernst nehmen. Wenn Sie sich durch Ihre Sexualität häufig frustriert, beschämt oder unglücklich fühlen, lohnt es sich, darüber zu sprechen – mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder in einer Sexualtherapie oder Psychotherapie.
Ein Fragebogen kann den Einstieg erleichtern. Fragen schwarz auf weiß zu beantworten fällt manchmal leichter, als selbst die richtigen Worte zu finden. Er ersetzt aber kein persönliches Gespräch.
Fazit
Mit der deutschen 16-Fragen-Version der FSDS-DAO gibt es jetzt ein geprüftes, kurzes Instrument, um sexuellen Leidensdruck zu erfassen – inklusive Schmerzen beim Sex und mit einem klaren Grenzwert.
So lässt sich Leidensdruck in Praxis und Forschung leichter erkennen – und Betroffenen kann gezielter Unterstützung angeboten werden.
Quelle
Kronthaler, S. M., Hahn, I. J., Schulze, D., Karsten, M. M., Blohmer, J.-U., Tissen-Diabaté, T., Beier, K. M., & Hatzler, L. (2026). Sexual Distress Scale: Translation, psychometric validation, and reference values for cisgender women and men in a representative population-based sample in Germany. Geburtshilfe und Frauenheilkunde, 86(7). https://doi.org/10.1055/a-2786-2315

