Männer, Sexualität und chronische Erkrankungen
Erektionsprobleme, weniger Lust, ein zu früher oder ausbleibender Samenerguss: Viele Männer kennen sexuelle Schwierigkeiten – vor allem, wenn eine chronische Erkrankung hinzukommt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Depressionen oder Schmerzen wirken sich oft auch auf die Sexualität aus. Gesprochen wird darüber trotzdem selten.
In einer früheren Kolumne habe ich gezeigt, wie häufig Frauen mit chronischen Erkrankungen unter sexuellen Funktionsstörungen leiden. Dieselbe bundesweite Befragung hat auch Männer einbezogen. In einer weiteren Auswertung haben wir uns angesehen: Wie werden Männer mit sexuellen Funktionsstörungen versorgt – und was wünschen sie sich?
Was sind sexuelle Funktionsstörungen?
Nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-11 spricht man von einer sexuellen Funktionsstörung, wenn Einschränkungen bei Lust, Erregung (z. B. Erektion), Orgasmus oder Samenerguss bestehen – und die Betroffenen darunter deutlich leiden.
Entscheidend ist dieser Leidensdruck: Nicht jede Veränderung der Sexualität ist behandlungsbedürftig. Erst wenn sie belastet, wird daraus eine Funktionsstörung.
Was wir untersucht haben
Im Jahr 2021 haben wir über 1.800 Männer befragt, repräsentativ für die deutsche Bevölkerung nach Alter und Bundesland. 265 von ihnen (16,6 %) erfüllten die Kriterien einer sexuellen Funktionsstörung. Diese Männer standen im Mittelpunkt der Auswertung; im Durchschnitt waren sie 49 Jahre alt.
Drei von vier dieser Männer (74,1 %) hatten mindestens eine chronische Erkrankung. Am häufigsten waren Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, gefolgt von psychischen Erkrankungen und urologischen Erkrankungen.
Die Fragebögen wurden gemeinsam mit Patientenvertreter:innen entwickelt. Im Mittelpunkt standen vier Fragen:
Diagnose: Wie viele Männer mit Beschwerden haben jemals eine Diagnose erhalten?
Hilfesuche: Wo informieren sie sich, mit wem sprechen sie, und was hält sie davon ab, Hilfe zu suchen?
Behandlung: Welche Behandlungen haben sie erhalten – und welche wünschen sie sich?
Unterschiede: Unterscheiden sich Männer mit körperlichen, psychischen oder ohne chronische Erkrankungen?
Was wir herausgefunden haben
Nur jeder Zweite hat eine Diagnose. Nur 46,6 % der Männer mit einer sexuellen Funktionsstörung hatten jemals eine entsprechende Diagnose erhalten. Am größten war die Lücke bei Männern ohne chronische Erkrankung: Nur etwa jeder Dritte von ihnen war diagnostiziert. Männer mit chronischen Erkrankungen erhielten häufiger eine Diagnose – vermutlich, weil sie ohnehin regelmäßig in ärztlicher Behandlung sind.
Behandlung ist die Ausnahme. Nur rund 15 % der betroffenen Männer waren jemals wegen ihrer sexuellen Probleme in Behandlung. Wer Hilfe suchte, wartete im Schnitt drei bis vier Monate auf einen Termin.
Scham ist die größte Hürde. Der häufigste Grund, keine Hilfe zu suchen, war Scham. Besonders ausgeprägt war sie bei Männern mit psychischen Erkrankungen: Jeder Zweite (50,4 %) nannte sie als Hindernis. Weitere Gründe waren Zweifel, ob eine Behandlung überhaupt hilft, fehlendes Wissen über Angebote und die Sorge, nicht ernst genommen zu werden.
Das Internet zuerst – vertraut wird der Urologie. Informiert haben sich die meisten Männer zuerst im Internet. Als bevorzugte Ansprechpersonen nannten sie jedoch Urolog:innen – Männer mit chronischen Erkrankungen sogar in jedem zweiten Fall. Im Alltag sprachen viele zuerst mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner. Männer mit psychischen Erkrankungen wünschten sich deutlich häufiger Psychotherapeut:innen als Ansprechpersonen (30,8 % gegenüber 12,6 %).
Medikamente stehen im Vordergrund. Medikamente waren die häufigste bisherige Behandlung und auch die am meisten gewünschte. Daneben wünschten sich viele Entspannungsverfahren und mehr Bewegung. Sexual- oder Paartherapie hätten sich deutlich mehr Männer gewünscht, als sie tatsächlich erhalten hatten.
Es geht um mehr als Funktion. Als wichtigste Ziele einer Behandlung nannten die Männer nicht nur eine bessere Erektion oder mehr Lust, sondern vor allem mehr sexuelle Zufriedenheit und eine zufriedenere Partnerschaft.
Digitale Angebote: zurückhaltendes Interesse. Weniger als ein Viertel der Männer interessierte sich für Apps oder Websites mit Informationen und Übungen – Männer mit chronischen Erkrankungen noch seltener. Für alle war dabei am wichtigsten, dass die Kosten von der Krankenkasse übernommen werden.
Warum das wichtig ist
Sexuelle Gesundheit hängt eng mit Lebensqualität und psychischem Wohlbefinden zusammen. Erektionsstörungen können zudem ein frühes Warnzeichen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein – ein Grund mehr, sie ernst zu nehmen.
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Versorgungslücke: Mehr als die Hälfte der betroffenen Männer bleibt ohne Diagnose, nur wenige erhalten eine Behandlung. Dabei gibt es wirksame Angebote, die über Medikamente hinausgehen – etwa Sexual- und Paartherapie, Psychotherapie oder Bewegung.
Gleichzeitig liegt hier eine Chance: Viele Männer mit chronischen Erkrankungen sind ohnehin regelmäßig in ärztlicher Behandlung. Wenn Sexualität dort selbstverständlich angesprochen wird, kann das die Scham deutlich verringern.
Was Sie mitnehmen können
Sie sind nicht allein. Etwa jeder sechste Mann erlebt sexuelle Probleme, die ihn belasten – mit chronischer Erkrankung noch häufiger. Das ist kein persönliches Versagen.
Sprechen Sie es an. Ob bei Ihrer Hausärztin, Ihrem Urologen oder in der Psychotherapie: Sexualität gehört zur Gesundheit und darf Thema sein, auch wenn niemand danach fragt.
Fragen Sie nach Ihren Medikamenten. Manche Behandlungen chronischer Erkrankungen können sich auf Lust oder Erektion auswirken. Oft gibt es Alternativen.
Denken Sie über Tabletten hinaus. Medikamente können helfen, aber Sexualität ist mehr als Funktion. Sexual- und Paartherapie, Bewegung und Entspannung können einen großen Unterschied machen.
Beziehen Sie Ihre Partnerin oder Ihren Partner ein. Sexuelle Probleme betreffen meist beide. Gemeinsam darüber zu sprechen entlastet – und ist oft der erste Schritt zur Veränderung.
Fazit
Sexuelle Funktionsstörungen sind bei Männern mit chronischen Erkrankungen häufig – und werden trotzdem oft weder erkannt noch behandelt. Scham, Unsicherheit und lange Wartezeiten stehen zwischen den Männern und der Hilfe, die sie sich eigentlich wünschen.
Die Studie zeigt auch, was helfen kann: Fachleute, die Sexualität aktiv ansprechen, Angebote, die nicht nur die Funktion, sondern auch Zufriedenheit und Partnerschaft im Blick haben, und digitale Lösungen, die mit persönlicher Begleitung verbunden und von den Krankenkassen finanziert werden.
Quelle
Mühle, E., Kronthaler, S. M., Oesterling, C., Tissen-Diabaté, T., Beier, K. M., Neymeyer, J., Schlomm, T., … Hatzler, L. (2025). Gaps in diagnosis and unmet healthcare needs in male sexual dysfunction and chronic health conditions: Insights from a German population-based study. Basic and Clinical Andrology, 35, 45. https://doi.org/10.1186/s12610-025-00293-y

